The future of the European Union

In den Beziehungen zwischen den Völkern ist es mitunter nicht anders wie in den Beziehungen zwischen zwei Menschen: manches muss ausgesprochen werden, damit es nicht im Ungefähren bleibt. Und sei es nur, damit es für die Nachwelt festgehalten wurde.

So ist es auch mit Äußerungen von Deutschen zum möglichen Austritt der Briten aus der Europäischen Union. Diese Frage ist bei weitem keine rein britische Angelegenheit, wie man meinen könnte, wenn man deutschen Politikern zu lange zugehört hat. In ihrer Konsequenz betrifft sie alle Bürger der Europäischen Union ganz eindeutig. Insofern ist sie auch eine zutiefst europäische Angelegenheit, auch wenn die Entscheidung letztlich bei den Briten liegt und liegen muss. Sicher ist es klug und weise, dass die Bundesregierung sich zu dieser Frage absolut zurückhält. Aber der deutschen Zivilgesellschaft steht in einer europäischen Demokratie allemal das Recht zu, sich zu so einer entscheidenden Frage der Europäischen Union zu äußern.

Um nicht gleich missverstanden zu werden: es geht nicht darum den Briten zu sagen, was sie tun oder lassen sollen. Das wäre ja absurd, das ginge ja auch überhaupt nicht. Es geht darum ein Signal zu senden, dass sie als Mitglied der Europäischen Union weiterhin gewünscht und willkommen sind. Manche halten schon das für eine „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“. Aber das ist grober Unfug. Wo kämen wir denn da hin, wenn in einer echten europäischen Union und Demokratie die Meinungsäußerung immer an nationalen Grenzen halt machen müsste?

Sicher, die Briten sind ein sperriges europäisches Brudervolk. Ihr ewiges Gejammer um ihre Beiträge nerven ebenso wie ihr Rosinenpicken bei den Europäischen Verträgen. Und wenn man dieser Tage manchen Austrittsbefürwortern zuhört, wird einem ähnlich schlecht, wie wenn man die AfD über den Schusswaffeneinsatz an der Grenze phantasieren hört oder lesen muss, wie ihre Rassisten deutsche Nationalspieler beleidigen. Diese Spalter würden sicher auch einen Austritt der Briten bejubeln, halten sie doch die Europäische Union selbst in großen Teilen für ein Übel. Nach gegenwärtigen Umfragen sieht es danach aus, als ob fast die Hälfte der Briten bevorzugen würde, in Zukunft keine Bürger der Europäischen Union mehr zu sein. Umso wichtiger wäre es, dass alle anderen, die vom Verbleib ihres Landes in der Union überzeugt sind, eindeutige Signale vom Kontinent erhalten.

Wenn man nämlich die Emotionen einmal beiseite schiebt, kommt erstaunlich viel Verbindendes und Wertvolles zum Vorschein. Zunächst einmal sind die Briten wie die Deutschen ein fußballverrücktes Volk. Das werden wir in zwei Wochen bei der Europameisterschaft sicher wieder erleben, bei der wir hoffentlich auch weiterhin spätestens im Elfmeterschießen gegen England gewinnen werden. Dann ist da die gemeinsame Liebe zum Bau des Automobils. Die Marken Mini, Jaguar, Aston Martin, Rolls-Royce, Bentley und Land Rover mögen alle nicht mehr in britischer Hand sein, aber zweifellos haben sie alle einen ganz originären und großartigen Markencharakter britischer Herkunft und werden nach wie vor in Großbritannien gebaut. Dann sind Briten ähnlich wie Deutsche forschungs- und innovationsfreundlich. Der Ruf der Universitäten von Oxford und Cambridge ist legendär und zusammen mit anderen britischen Universitäten liegen sie in den Rankings seit Jahren weit vorne. Auch hat kaum ein anderes Volk so viele Nobelpreisträger hervorgebracht wie die Briten. Schließlich ist ihr Beitrag zur europäischen Aufklärung und Werteentwicklung überragend. Der Geist von Immanuel Kant hat sich zunächst an Newtons Principia Mathematica gerieben, bevor er durch David Hume aus seinem ‚dogmatischen Schlummer’ erwachte. Und man denke erst an die Magna Charta, die Habeas Corpus Akte, die Bill of Rights, an John Lockes Beiträge über die Regierung und Toleranz oder an John Stuart Mills Freiheitsschrift. All das hat die Briten gegen die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts – den Faschismus und Kommunismus – immun gemacht. Das werden sie uns Deutschen für immer voraus haben. Und dann ist da schließlich noch so wunderbar Triviales und Verbindendes wie die britische Popmusik: von den Beatles über die Rolling Stones, Queen, David Bowie bis hin zu Oasis, Robbie Williams oder Adele. Es ist schwer vorstellbar, dass es noch Deutsche zu finden gibt, die noch nie britische Popmusik geliebt, geschweige denn gehört, haben. Zu guter Letzt ließe sich auch noch die Literatur ins Felde führen: von Shakespeare über Oscar Wilde -auch wenn er eigentlich Ire war- bis heute hin zu Harry Potter sind sie zweifellos alle eine ungeheure Bereicherung europäischer Literatur. Auf all das lässt sich allemal mit einem guten Glas schottischen Whiskys anstoßen.

Nun werden diese britischen Vorzüge auch noch erfahrbar bleiben, wenn die Briten aus der Europäischen Union austreten. Aber spätestens dann sind wir bei der Frage der strategischen, ökonomischen und historischen Gründe für einen Verbleib der Briten in der Europäischen Union. Diese sind aus vielerlei Gründen langfristig herausragend – sowohl für die Briten selbst wie auch für alle anderen Bürger der Europäischen Union und damit einschließlich für uns Deutsche. Wer möchte, findet hier eine Übersicht in Englisch dazu.

Insofern war es nur gut und richtig, dass der Bundespräsident im Namen aller Deutschen vor drei Jahren in seiner Europarede auf sehr charmante Art und Weise seine Form der Liebeserklärung an Großbritannien abgegeben hat. Er sagte: „Liebe Engländer, Waliser, Schotten, Nordiren und neue Bürger Großbritanniens! Wir möchten euch weiter dabeihaben! Wir brauchen eure Erfahrungen als Land der ältesten Demokratie, wir schätzen eure Traditionen, aber wir brauchen eure Nüchternheit und euren Mut! Ihr habt im Zweiten Weltkrieg mit Eurem Einsatz geholfen, unser Europa zu retten – es ist auch euer Europa. Lasst uns weiter gemeinsam den Weg zur europäischen Res publica bestreiten, dabei auch unter Umständen streiten, aber nur gemeinsam sind wir den künftigen Herausforderungen gewachsen. Mehr Europa soll nicht heißen: ohne euch!“

Zweifellos hat er Recht. Und zweifellos ist die Europäische Union mit das Beste, was uns Deutschen im 20. Jahrhundert widerfahren ist – unter eigener tätiger Mithilfe.

Aber was ist angesichts dessen nur dieser Tage mit der deutschen Zivilgesellschaft los?

Was ist mit deutschen Prominenten – zum Beispiel aus der Welt des Fußballs und der oft wiederholten Phrase vom Vorbild auch neben dem Platz? Was ist mit Jürgen Klopp, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker, und Mesut Özil, die nun alle in Großbritannien leben und arbeiten?

Was ist mit den deutschen Schriftstellern, den Meistern der deutschen Sprache? Oder mit den Journalisten und Leitartiklern dieser Republik, von denen so viele gegenwärtig in ihren Redaktionsstuben über den Brexit diskutieren und schreiben, sie aber bislang nicht eine gemeinsame Stellungnahme zustande gebracht haben?

Was ist mit deutschen Wissenschaftlern und Professoren, die mit britischen Kollegen zusammen forschen?

Was ist mit deutschen Historikern, die uns die Lehren aus der Vergangenheit immer wieder vor Augen führen sollten?

Was ist mit deutschen Ökonomen, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften, von denen für viele die ökonomischen Vorteile eines Verbleibs der Briten in der Union auf der Hand liegen sollten?

Oder was ist mit deutschen Bürgermeistern, deren Stadt eine Partnerschaft mit einer britischen Stadt pflegt?

Es muss sich ja niemand gleich persönlich outen. Die Briten machen es ja auch im Kollektiv. Da sind es mal rund 200 Ökonomen, dann wieder 300 Historiker, die sich gemeinsam zu Wort melden und sich für einen Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union aussprechen.

Wenn den Deutschen die nächste Europameisterschaft oder der nächste Sommerurlaub wichtiger ist, wenn sie durch ihr Schweigen den Eindruck der Gleichgültigkeit vermitteln, wenn sie den inneren Zusammenhalt und die Zukunft der Europäischen Union lieber den überall aufblühenden Nationalisten überlassen wollen und beabsichtigen, ihrem Treiben in politischer Apathie nur zuzuschauen, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn die Europäische Union dieser Tage zerfällt. Verdient hätte man dann auch womöglich nichts anderes…

 

P.S. Sie finden mich auf Twitter unter OliHSchmidt oder auf Facebook unter OliHSchmidt.

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