The future of the European Union

Freiheit, Frieden und Wohlstand für alle Europäer sind der Kern der Europäischen Idee.

Sie waren die Inspiration für die Erklärung Robert Schumans nur wenige Jahre nach Kriegsende. Der 09. Mai 1950 ist seitdem die Geburtsstunde der heutigen Europäischen Union.

Im Zentrum seiner Erklärung standen Vertrauen und Zusammenarbeit, Teilung souveräner Rechte und konkrete Schritte zum Wohle aller.

An der Attraktivität dieser Idee hat sich bis heute nichts geändert. Ihre reale politische Manifestation, die heutige Europäische Union mag nicht perfekt sein, die ihr zugrunde liegende Idee ist es nach wie vor. Innerhalb von nur 66 Jahren ist aus der einfachen Erklärung Robert Schumans ein freier Zusammenschluss von 28 Nationen mit über 500 Millionen Menschen erwachsen. Dieser Erfolg ist nach wie vor atemberaubend.

In wenigen Tagen nun werden die Briten darüber entscheiden, ob sie dieser Gemeinschaft weiter angehören oder ob sie ihr den Rücken zuwenden und sie verlassen wollen.

Es ist ihre souveräne Entscheidung.

Sie wird grundlegend sein. Vor allem für die Briten selbst. In der Debatte über den möglichen Austritt ist deutlich geworden, dass das Preisschild des Brexits groß und rot ausfallen dürfte. Aber das ist nicht mehr das Entscheidende. Es geht um mehr. Großbritannien wäre bei einem Austritt aus der Europäischen Union ein anderes Großbritannien. Und Europa wäre ein anderes Europa. Das ist schon jetzt klar. Viele Briten scheinen das gut zu finden und zu wollen. Manche Briten kann man darin auch durchaus verstehen. Wer schätzt nicht Einfachheit, direkte demokratische Verantwortung, größtmögliche Unabhängigkeit und Freiheit? Aber auch das ist nicht mehr das Entscheidende. Inzwischen geht es um mehr. Man konnte es hören, wenn man den Protagonisten der Kampagnen in den letzten Wochen zugehört hat. Am 23. Juni geht es auch um die Seele Großbritanniens. Es geht darum, ob sie politisch von jenen in Besitz genommen wird, die Angst vor Überfremdung haben und solche Ängste für ihre eigenen politischen Zwecke bewusst unter den Menschen schüren. Von denen, die in nationalem Rückzug und nationalem Egoismus die Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sehen. Von denen, die immer wieder mit Vorurteilen und Diffamierungen jene Menschen überschütten, die ihr Leben dem Bau an einem gemeinsamen Europa gewidmet haben. Sollten sie am 23. Juni gewinnen, so wäre das ohne Zweifel ein anderes Großbritannien. Es wäre dann nicht mehr das Großbritannien, das für Weltoffenheit und Toleranz stünde, nicht mehr das Großbritannien, in dem der Liberalismus sein wirkliches Zuhause hätte, nicht mehr nur das Großbritannien der aufgeklärten, schottisch-englischen Vernunft. Auch wäre es ein Großbritannien, das freiwillig aufgegeben hätte, am gemeinsamen Haus Europas und seiner politischen Einheit mit zu bauen. Es wäre ein zurückgezogenes Großbritannien und eines mit deutlich weniger Einfluss in Europa im 21. Jahrhundert.

Das ist der Kern der Entscheidung am 23. Juni.
Und es geht sogar noch um einen weiteren Aspekt.

Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten. Die Europäische Union und ihre Bürger stehen gegenwärtig vor einzigartigen Herausforderungen – einzigartig in ihrer Dimension wie in ihrer Historie.

Es gibt eine tektonische Verlagerung ökonomischen Gewichts nach Asien, wie es sie noch nie in der Geschichte gegeben hat. Die digitale Vernetzung erreicht nun auch die Welt der Maschinen. Die Folgen der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit 1929 sind noch immer zu spüren. Noch immer sind viel zu viele Menschen in der Union ohne Arbeit und sehen zu wenig Perspektiven. Viel zu wenig haben die politischen und gesellschaftlichen Eliten es bislang verstanden, schneller eine bessere und gerechtere Welt für alle aufzubauen. Im Gegenteil – manches hat den Zustand der Welt sogar deutlich verschlimmert. Nun ist der politische und gesellschaftliche Umbruch überall zu spüren. In vielen Gesellschaften bricht alter Nationalismus und Hass wieder auf. Wir sind mit den schlimmsten Flüchtlingsbewegungen auf unserem Planeten seit Ende des zweiten Weltkriegs konfrontiert. Und fast wöchentlich müssen wir Nachrichten ertragen von Menschen, die töten und vorgeben, dieses im Namen eines Gottes zu tun, wenn sie damit nur unter Beweis stellen, wie sehr sie ihn lästern.

Insofern geht es am 23. Juni auch darum, ob die Briten glauben, ihr Heil läge darin, auf all diese Herausforderungen mit einem erneuerten Nationalismus zu reagieren. Oder ob sie diese in Zusammenarbeit mit einer Gemeinschaft von 440 Millionen anderen Europäern und ihrer politischen Union bewältigen wollen.

Es ist ihre souveräne Entscheidung.

Wer also sind die Briten?

Wer wollen sie im 21. Jahrhundert sein?

 

P.S. Diesen Text schrieb ich letzten Dienstag, zwei Tage bevor Herr Farage mit seiner widerwärtigen Poster-Aktion rauskam, welches an schlimmste Nazi-Propaganda erinnert. Und zwei Tage vor der Ermordung von Jo Cox.

Sie finden mich auf Twitter unter OliHSchmidt oder auf Facebook ebenfalls unter OliHSchmidt.

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